Wir lernen immer
Und dürfen das Staunen nicht vergessen
Lernpsychologie, 22.05.2020 (Errstveröffentlichung)

Der Tod des Lernens
„Nun beginnt der Ernst des Lebens“, hieß es, als ich in die Schule kam. Ich war ohnehin nicht gerade begeistert, dass ich nun – und dann auch noch täglich – in so eine Einrichtung gehen sollte. Meine gesamte Lebensplanung bis zu diesem Tag wurde einfach über den Haufen geworfen. Aber als es hieß, der Ernst des Lebens würde nun beginnen, verlor ich komplett die Lust …
Solche Aussagen kennen wir alle mehr oder weniger: „der Ernst des Lebens …“. Wir wissen einerseits nicht wirklich, was durch solche Sätze ausgelöst werden kann. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch, dass hier ein grundlegendes Missverständnis darüber vorliegt, was Lernen, Bildung und Leben bedeuten.
Biologie des Lernens
Lernen ist kein Ernst. Es ist ein ureigenes Bedürfnis des Menschen – ein grundlegendes Prinzip der Natur. Lernen macht Spaß und gelingt am besten auf der Basis von Freude.
Wir lernen immer. Der Lernprozess beginnt spätestens nach der Befruchtung der Eizelle und den ersten Teilungen der Zygote. Zellen differenzieren sich und wandern an ihren Bestimmungsort. Sie kommunizieren unentwegt miteinander und spezialisieren sich dabei. Es sind – wie alle Vorgänge in der Natur – wundersame und geheimnisvolle, höchst intelligente und fein aufeinander abgestimmte Prozesse. Die Zellen entwickeln sich zu Spezialisten, verändern sogar ihr Äußeres und eignen sich neue Verhaltensweisen an.
Unentwegt lernt der Organismus hinzu, bis er aus etwa einer Billion Zellen besteht, die alle optimal miteinander kooperieren. Und auch danach gehen die Lernvorgänge weiter.
Wenn ein Mensch geboren wird, hat er bereits eine breite Palette an Erfahrungen gemacht. Die dreidimensionale Ultraschalltechnik hat neue und erstaunliche Einblicke in die ersten intrauterinen Monate ermöglicht. So konnte man feststellen, dass der Fötus bereits ein komplexes Verhaltensrepertoire besitzt und einübt, auf dem späteres Lernen aufbaut. Er strampelt, gähnt, macht Atembewegungen, lächelt, reibt sich die Augen, spielt, freut sich, hat Angst, untersucht seine Umgebung, nimmt Kontakt auf, wenn ein Zwilling vorhanden ist, oder sucht auch einmal Abstand. Außerdem ist er eng mit dem Empfindungssystem der Mutter verbunden und nimmt die Außenwelt bereits wahr – zum Beispiel Stimmen und Musik.
Lernerfahrungen bauen aufeinander auf
Jede neue Lernerfahrung kann nur gemacht werden, weil sie auf bestehenden Erfahrungen aufbaut. So entwickeln sich der Mensch und seine Fähigkeiten vom Einfachen zum Komplexen und vom Organischen zum Geistigen. Bestimmte Erfahrungen und Lernschritte müssen in sogenannten „kritischen Phasen“ erfolgen – etwa beim Sprechen, Gehen oder Sehen. Dabei gibt es jedoch individuelle Toleranzbereiche.
Körper als Grundlage des Lernens
Der Körper ist stets am Lernen beteiligt. Genau genommen ist er die Grundlage dafür, dass kognitives Lernen später optimal stattfinden kann. So weiß man zum Beispiel, dass Kinder, deren Motorik sich nicht gut entwickelt hat und die schlecht rückwärtsgehen können, auch Schwierigkeiten beim „rückwärts Rechnen“, also beim Subtrahieren, haben.
Das Gehirn ist ein weiteres Wunderwerk, das niemals stillsteht und sich ständig verändert, umstrukturiert und anpasst. Die wichtigste Aufgabe des Gehirns ist – so Gerald Hüther – nicht das Denken, sondern das lebenslange Herstellen, Aufrechterhalten und Gestalten von Beziehungen: Beziehungen zwischen Neuronen, das Knüpfen von Verbindungen über Synapsen und die fortlaufende Abbildung der Prozesse im gesamten Organismus – von einfachen Regelkreisen bis hin zu komplexen Systemen.
Einer der wichtigsten Orte, die Lernen ermöglichen, sind die Synapsen – die Stellen, an denen Reize biochemisch weitergegeben werden. Diese „Erfindung“ der Natur war revolutionär. Sie ermöglicht es dem Nervensystem, sich permanent durch neue Verbindungen zu vernetzen, Kontakte zu anderen Nervenzellen herzustellen und weiter zulernen. Unser Gehirn verfügt über etwa 10¹⁵ Synapsen – das sind eine Million Milliarden!
Im Übrigen ermöglicht das Gehirn damit weitaus mehr Verbindungen, als es Atome im Universum gibt. Damit müsste sich doch etwas anfangen lassen, oder nicht?
Wege - Straßen - Auobahnen
Verbindungen, die häufiger genutzt werden, werden zu Wegen, aus Wegen werden Straßen und aus Straßen werden Autobahnen. Das nennt man Lernen – es ist aber gleichzeitig auch eine Form der Spezialisierung. Werden Wege weniger genutzt, baut das Gehirn sie wieder ab. Auch das ist Lernen, nämlich eine Form der Anpassung. Das Gehirn ist niemals inaktiv: Es baut sich permanent um und passt sich den Gegebenheiten an. Selbst wenn wir nicht bewusst lernen, lernt unser Gehirn – nämlich, dass etwas nicht mehr wichtig ist. Daher lernen wir immer.
Sie selbst können jedoch entscheiden, ob Sie daran interessiert sind, neue Verbindungen zu entwickeln, bestehende zu erhalten oder sich mit einigen wenigen „Datenautobahnen“ zu begnügen.
Kommunikation – Gefühl - Beziehung
Ohne Kommunikation kein Lernen. Ohne Beziehungen keine Kommunikation. Ohne Gefühl keine Beziehungen. Schon Einzeller kommunizieren miteinander und tauschen Informationen aus – sei es durch Botenstoffe, DNA oder sogar Zellkerne. Lernen geschieht stets auf der Basis von Beziehungen – und beim Menschen ganz besonders auf der Grundlage wertschätzender Beziehungen. Wird Lernstoff mit Druck und Angst vermittelt, verknüpft sich das Gelernte mit diesen negativen Gefühlen. Aus der Gehirnforschung weiß man, dass Neuronen, die gleichzeitig aktiviert werden, sich miteinander verbinden. Es heißt: „neurons that fire together wire together“. Ein negatives Ergebnis wollen wir doch vermeiden, oder? Effektives Lernen findet daher am besten in einer stressfreien Umgebung statt. Permanenter Stress in der Kindheit kann zudem nachweislich das Erbgut beeinflussen.
Die Verbindung zwischen Fühlen und Lernen ist eine weitere bedeutende „Erfindung“ der Evolution. Sie macht den Menschen zwar verletzlich und anfällig, ermöglicht aber zugleich eine besonders gute Anpassung an die Umwelt. Das Fühlen ist eine ebenso große – wenn nicht größere – Fähigkeit wie das Denken. Tatsächlich treffen wir viele Entscheidungen eher aus dem Gefühl heraus als rein rational. Dennoch wurde im Abendland das Denken lange Zeit zum höchsten Gut erhoben, während Gefühle oft als „Gefühlsduselei“ abgewertet wurden.
Wundern und Staunen
Wer sich wundern kann und das Staunen nicht verloren hat, bleibt innerlich jung. Wundern und Staunen – Fähigkeiten, die Kinder ganz selbstverständlich besitzen – sind die Grundlage für Offenheit. Wer offen ist, schaut neu hin und sieht genauer. Staunen weckt die Sinne, berührt die Gefühle und versetzt den Menschen in einen Zustand unvoreingenommener Wahrnehmung.
Doch was geschieht, wenn wir glauben, bereits alles zu kennen und zu wissen? Heute meinen wir oft, alles sei erklärbar – warum also noch staunen? Wir stellen immer seltener Fragen und suchen stattdessen schnell nach Antworten. Wer jedoch Fragen stellt, ohne sofort Antworten zu erwarten, ist ein Forscher, ein Pionier. Wer auf alles eine Antwort hat, wirkt entweder belehrend oder selbstgefällig. Wenn wir ehrlich sind, steckt dahinter oft Unsicherheit oder das Bedürfnis nach Kontrolle – die Schwierigkeit, sich selbst Ungewissheit einzugestehen. Kinder hingegen staunen und fragen unermüdlich: Warum?
„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot, und sein Auge ist erloschen.“
(Albert Einstein)






